Christinnen und Christen fordern Ökumenischen Kirchentag für Gerechtigkeit
Angst geht um in Deutschland, Angst vor Armut, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor der Zukunft. Diese Angst ist verständlich. Die Menschen spüren, wie sehr die sozialen und ökologischen Probleme wachsen. Sie wissen, dass die Probleme weiter zunehmen werden, wenn die Weichen der Entwicklung nicht neu gestellt werden. Doch sie erleben, dass die Weichen eben nicht anders gestellt werden. Selten war die Unfähigkeit der politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen, die Probleme anzugehen, so mit Händen zu greifen wie zurzeit. Trotz der Erschütterung durch die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten folgen die meisten in Politik und Finanzwelt weiter jenem neoliberalen Denken, das in die Krise geführt hat. Der Klimagipfel in Kopenhagen scheiterte an kurzsichtiger Politik, rein nationalen Interessen und am Egoismus der Reichen. So nehmen Armut, Elend und Umweltzerstörung zu – in Deutschland und weltweit. Und damit wachsen Spannungen und Gewalt.
In dieser Zeit tiefer Verunsicherung und drohender Resignation bietet der Ökumenische Kirchentag eine große Chance: nämlich den Dreiklang des Konziliaren Prozesses wieder aufzunehmen und die Ziele Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion zu rücken. Wie Kirchen- und Katholikentage schon früher Impulse für die Friedens- und Umweltbewegung ausgelöst hatten, muss der Ökumenische Kirchentag Ausgangspunkt einer breiten Bewegung für Gerechtigkeit sein. Dafür engagiert sich das Netzwerk Ökumenischer Kirchentag, das von mehr als 1000 Einzelpersonen und von über 80 kirchlichen und politischen Organisationen getragen wird. Dazu zählen unter anderem Misereor, Brot für die Welt, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, der Vorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend und attac.
Dieser Aufbruch auf dem Kirchentag wird jedoch nur gelingen, wenn die entscheidenden Zukunftsfragen ohne Rücksicht auf parteipolitischen Proporz und ohne Tabus diskutiert werden: Wie soll es weitergehen in einer Gesellschaft, in der die Vermögenden immer vermögender werden, während die Zahl der Armen wächst? Wie steht es um die Zukunft von Kinder und Jugendlichen aus benachteiligten Familien, wenn gute Bildung wieder vom Geldbeutel der Eltern abhängt? Wie steht es um eine Arbeitsgesellschaft, in der es immer weniger fair bezahlte Arbeitsplätze gibt, aber immer mehr zu tun ist? Welche Zukunft hat eine kapitalistische Wirtschaft, die auf Wachstum gründet, aber längst an ihre ökologischen Grenzen stößt? Welche Zukunft hat ein Finanzsystem, das sich auch nach seinem faktischen Zusammenbruch einfach weiterdreht, als wäre nichts geschehen? Wie geht es weiter in einer Welt, in der das Vermögen der Dollarmillionäre in einem Jahrzehnt von 16.600 Milliarden auf 40.700 Milliarden steigt, während für Entwicklungszusammenarbeit kaum mehr als 100 Milliarden Dollar bereitstehen? Was wird aus Staaten, die mit Milliardenbeträgen Rettungsschirme für die spekulativen Gewinne der Banken und der Reichen aufspannen und die Menschen im Regen stehen lassen? Wer wundert sich über zunehmende Gewalt in einer Welt, in der die Regierungen jedes Jahr 1400 Milliarden für Waffen ausgeben werden?
Erst die offene Diskussion dieser Fragen eröffnet Perspektiven für eine Welt, die wir Christinnen und Christen vor Augen haben. Eine Welt, in der Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung und der Friede eine Chance haben und nicht nur die Gesetze des Kapitalismus gelten. Deshalb darf der Kirchentag nicht zur Showbühne für prominente Vertreter aus Politik und Wirtschaft werden, die sich dort den Beifall für ihre mehr oder minder gut kaschierte Interessenpolitik abholen. Stattdessen muss der Ökumenische Kirchentag zu einer politischen Zeitansage werden, die deutlich macht: Wir brauchen Alternativen zum „Weiter so“. Wir brauchen einen Aufbruch zu einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung weltweit. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Deshalb rufen wir auf:
Mischen Sie sich in die politische Debatte über Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ein!
Machen wir den Ökumenischen Kirchentag zu einem Manifest für eine neue Politik, für eine andere Art zu wirtschaften, für eine andere Art zu leben!
Schaffen wir soziale Bewegung – vor, auf und nach dem Kirchentag!
Folgen Sie dem Kamel auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit!